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  • Wie die Freimaurerei in Schleiz auf den Hund kam

Wie die Freimaurerei in Schleiz auf den Hund kam

Die Gesellschaft des 18. Jahrhunderts ist durch die Suche nach Orientierung und neue Ordnungsstrukturen geprägt. Das Ende des Absolutismus hatte im Übergang zur Zeit der Aufklärung ein Organisationsvakuum hinterlassen. Die sich in der Folge gründenden Sozietäten wiesen ein breites Spektrum unterschied-licher Zielsetzungen auf. So bildeten sich ständisch und berufsständisch ausge-richtete Gruppen, religiöse Glaubensgemeinschaften oder in sich geschlossene, betont esoterisch gedachte, arkane Engbünde, die nicht jedermann frei zugänglich waren.
Ein Beispiel sind die sich aus veralteten Organisationsstrukturen 1717 wieder-gegründete „moderne“ Freimaurerei, wie auch die Mops-Gesellschaft und die „Antimassonianische Sozietät“, A.M.S.
Letztere wurde geprägt durch Graf Heinrich XII. Reuß-Schleiz der jüngeren Linie. Seine jugendlichen Schwärmereien veranlassten seinen Vater im Testament zu bestimmen, dass er, „auch unter Mithilfe und Beobachtung der Dienstboten von jenem schwärmerischen Pietismus fernzuhalten“ sein. Seine Erzieher jedoch brachten ihn in die Nähe des pietistischen Zentrums in Halle und auf seiner Reise durch Europa schloss er sich der betont pietistisch ausgerichteten A.M.S. an. Es folgten Jahre des aktiven Mitgestaltens während seine Dienstzeit als Kapitän der Leibgarde zu Fuß bei König Christian VI. von Dänemark.

Der König war das pure Abbild eines post-absolutistische Monarchen, der seine eklatante Unsicherheit in extremster Religiosität zu verbergen hoffte. Willkür gegen Untergebene traf auf die Sabbatverordnung, die zwei Gottesdienstbesuche an Sonntagen forderte.

War der Pietismus ursprünglich als Gegenbewegung zum erstarrten Luthertum gedacht gewesen, so erstarrt dieser nun selbst in einem Gefolgsaposteltum und einer Jenseitssehnsucht, um aus den ungelösten Problemen des Alltags in eine Scheinwelt zu entfliehen. Diese Suche nach globaler, transzendente Ordnung sollte die A.M.S. befördern helfen.

Niemals in Opposition zur Freimaurerei versuchte sie vielmehr deren Verbesserung. Ihr Vorwurf der Freimaurerei gegenüber war, dass diese das „unbegründete Misstrauen in die Verschwiegenheit des Frauenzimmers“ zum Anlass nahmen, diese von ihren Ritualen und Treffen auszuschließen. Die Gleichstellung von Frauen in der A.M.S. stand jedoch nur in den Statuten, in den Protokollen wurde hingegen niemals davon berichtet, dass diese jemals irgendwelche Ämter ausübten.

Heinrich XII. Reuß wurde 1741 durch den aus Büdingen stammenden Grafen Ludwig-Casimir von Ysenburg in die A.M.S. aufgenommen. Dieser hatte in seiner Jugend ein sehr ausschweifendes Leben geführt, war aber möglicherweise durch das von seinem Vater ausgesprochene Dekret zur Religionstoleranz gegenüber der Herrnhuter Brudergemeinschaft geläutet worden. Als Hofmarschall diente er der dänischen Königin und war unter Christian VI. 1. Inspektor der A.M.S. in Drage.

Aus königlichen Diensten entlassen, gründete Heinrich XII. Reuß 1750 nach seiner Rückkehr nach Schleiz den „Orden der guten Leute von Oettersdorf“ und in der Folge weitere A.M.S.-Gemeinschaften in Rudolfstadt, Kirschkau, Schleiz und Heinrichsruh. 58 Mitglieder, alle adeliger Abstammung, zählte die A.M.S. bei ihrem Ende 1786. Heinrich XII. Reuß als dominierender Protagonist war kurz zuvor verstorben. Entgegen den ursprünglichen Zielen traten fast alle männlichen Gefolgsleute der Freimaurerei bei.

Ein Tagebucheintrag von Heinrich XII. Reuß von 1751 bezeugt zudem seine Initiation in den ebenfalls androgynen Orden der „Mops-Gesellschaft“ in Neustadt an der Orla. Dessen Ursprung liegt heute noch im Dunkeln, sie hat jedoch eindeutig deutsche Wurzeln. Bestätigt ist sie allein aufgrund von dokumentierten Verboten durch die Obrigkeit in Göttingen und dem lückenlos vorhandenen Protokollbuch des „Mopsen-Capituls“ in Nürnberg.

Entgegen dem Gebot der A.M.S., unter Androhung von Strafe, während der Versammlungen nicht lachen zu dürfen, war sie grundsätzlich heiter und den Idealen der Treue und der Freundschaft zugewandt.

Als Beispiel darf das Ritual des Afterkusses dienen, während dem dem Initianten, dessen Augen verbunden waren, die Frage gestellt wurde, ob „er lieber den Hintern des Großmeisters, oder den eines Mopses küssen wolle“. Unter dem Gelächter der Anwesenden wurde ihm daraufhin das Hinterteil eines Porzellanmopses auf die Lippen gedrückt.

Dr. Roland Martin Hanke
Vorsitzender des Deutschen Freimaurermuseums Bayreuth

Quellen:

Kretschmer Ernst Paul, Die Antimassonianische Sozietät und die Logen Heinrichs XII. Reuß-Schleiz, zugleich ein Beitrag zur Geschichte des Pietismus. Auf Grund urkundlichen Materials dargestellt, Gera-R. in: Quellen zur Geschichte der Freimaurerei, Band II, Heft 2/3, herausgegeben von der Deutschen Gesellschaft zur Förderung freimaurerisch-wissenschaftlicher Forschung, Leipzig, Druck und Kommunikations-Verlag von Bruno Zechel, 1919

Kretschmer Ernst Paul, Von geheimen Gesellschaften, Verbindungen und Orden in Ostthüringen, Auf des Spuren des Mopsordens in Thüringen, in: Sonderdruck aus Nr. 4 der Mitteilungen der Großloge „Deutsche Bruderkette“, Leipzig, Druckfoker, o.J.

Kretschmer Ernst Paul, Neue Beiträge zur Geschichte der antimassonianischen Sozietäten, 741-1805, Leipzig V.d.F. 1931

Lennhoff-Posner-1932, DIGITAL http://www.vrijmetselaarsgilde.eu/Maconnieke%20Encyclopedie/BASISMAP/Basis%20II/LENNHOFF.htm

Pietismus, zitiert nach: https://de.wikipedia.org/wiki/Pietismus

Zaunstöck, Holger: Sozietätslandschaft und Mitgliederstrukturen, Die mitteldeutschen Aufklärungsgesellschaften im 18. Jahrhundert (Hallesche Beiträge zur Europäischen Aufklärung, 9, Band 9) De Gryter, 1999